
Lageplan der mittelalterlichen Stadtanlage Neuruppin (um 1786)
Henry Mundt

„Ansicht der Stadt nach dem Brande“, Die Ruine der Marienkirche
Quelle: Museum Neuruppin
Keine malerischen Wohnbauten verschiedene Stil,
keine bürgerlichen Prunkbauten.
keine größere Anzahl an Baukünstlern.
Und doch:
In nur einem Jahrzehnt Spitzenleistungen der Baukunst.
In Anwendung des Gedankens der der Philosophie der Aufklärung des 18. Jahrhundert.
Die Bildungs-Reformstadt Neuruppin lebt das Lernen über den in der Stadtmitte gelegenen Schulplatz. Die Hohe Schule als zentraler Punkt, der von Gemeinde-Schulen umsäumt wird.
Gleichmäßigkeit in Formgebung und räumlichen Zuschnitt.
Über allem e i n Wille, der viele verschiedene Einheiten zusammenfasst
und individuell ausgestaltet ist.
Und das Ergebnis: d o c h ein künstlerisches Gesamtbild.
Dem großen Stadtbrand Neuruppins am 26. August 1787 fielen zum Opfer:
- das Rathaus mit dem Stadtarchiv
- drei Kirchen, davon die Hauptkirche St. Marien mit dem Kirchenarchiv
- über 400 Wohnhäuser und
- 38 Scheunen
mit einem Gesamtschaden in Höhe von 400.000 Talern.
Der Wiederaufbau der Stadt wurde unter königliche Hand gestellt.
Kronprinz Friedrichs Nachfolger, sein Neffe Friedrich Wilhelm II. von Preußen, nahm den Wiederaufbau Neuruppins als Hommage an den Aufenthalt seines Onkels in Neuruppin zwischen 1742 und 1740 zum Anlass, den „Lieblings“ort Friedrichs in Gänze und in Schönheit wieder zu errichten. Die Zeit der Aufklärung mit ihrem Mittelpunkt der lebenslangen Bildung eines jeden Menschen tat ihr Übriges.
Der König werde „alles tun, was zur baldigen Wiederherstellung der Stadt nur irgend gereichen könnte. Der Magistrat soll den Bürgern bekannt geben, daß sie dadurch nicht bewogen werden dürften, ihre Hände bloß in den Schoß zu legen, sondern so viel in ihren Kräften stehet, zu ihrem Retablissement selbst mitzuwirken, die denn diejenigen, die sich dabei durch besondere Tätigkeit und Eifer auszeichnen werden, vorzüglich unterstüzzet und mehrerer Beihilfen als die faulen und nachlässigen, sich zu erfreuen haben.“ (Friedrich Wilhelm II., 9. Sept. 1787)
Die Vorgehensweise
Die Leitung des Wiederaufbaus übernahm das preußische Ober-Baudepartements in Berlin der Geheime Oberbaurat Philipp Berson, in Neuruppin übernahm der Königliche Bauinspektor Bernhard Matthias Brasch die Retablissement-Kommission.
Der Präsident der Kurmärkischen Kammer, v. Voß, wurde das Bindeglied zwischen König und Neuruppin. Er vertrat das „Sentiment, daß vor allen Dingen die arbeitende Klasse der Bürger wiederum Beschäftigung erhalte.“
Öffentliche und private Bauten entwarfen Bauinspektor Brasch, Philipp Berson
sowie deren Condukteure.
Im Einvernehmen mit dem jeweiligen Bauherrn wurden Aufträge an Zimmer- und Maurerleute
wie Maurermeister Baumann, Bleich, Renschuch und Billig
Zimmermeister Kuphal, Wolff und Wagnitz vergeben.
Lehmer, Dachdecker, Glaser, Schlosser, Töpfer, Kalker und Hilfsarbeiter für die Gewinnung von Kies, Lehm, Stroh und Holz, Schacht- sowie Transport- und Zureicharbeiten auf dem Bau vervollständigten die Arbeit auf der Großbaustelle des „Retablissements“ der Stadt.
Das errichtete erste öffentliche Gebäude war die ab November 1791 „Bürger- und Gelehrtenschule“, das spätere Friedrich-Wilhelms-Gymnasium und heutige „Altes Gymnasium“.
Das errichtete letzte öffentliche Gebäude war die Pfarrkirche St. Marien 1806.
Die Architektur des Wiederaufbaus spiegelt den Übergang vom Barock zum Klassizismus wieder.
Dabei bildet das Neuruppiner Bürgerhaus als Ganzes und in seinen Teilen wie die Fassade, Fenster, großzügige Haustüren und -tore den Mittelpunkt; hinter letzteren verbirgt sich ein städtebauliches Detail, das an Handwerkskunst, Schönheit und praktischer Vollendung kaum zu überbieten ist:
die Treppe bzw. das Treppenhaus.
Vom Architekten und Denkmalpfleger sowie Begründer der Erforschung historischer Treppen (Scalologie), Prof. Dr.-Ing. Dr. Friedrich Mielke (1921-2018, Potsdam, Augsburg),
wurde sie als „Königin der Architektur“ bezeichnet.
Seine Bücher „Die Treppe der Potsdamer Bürgerhäuser im 18. Jahrhundert“ (1957) und „Das Bürgerhaus in Potsdam“ (1958) sind bis heute denkmalpflegerische Wegweiser und dienen der historisch-denkmalpflegerischen Grundlagenforschung; sein Forschungsgegenstand „Potsdamer Treppen“ führte folgerichtig zu denen in Neuruppin.
15.000 Treppendossiers aus aller Welt erarbeitete der Scalaloge,
aber das nach 1787 entstandene Treppenhaus von Neuruppin fehlt bis heute.

Der Wiederaufbauplan der Stadt Neruruppin nach dem großen Brand von 1787
Museum Neuruppin
